Nabelschnurblut in der Anwendung: Wissenschaft braucht ihre Zeit
„Bis die Forschung Krankheiten wie Diabetes mit Stammzellen aus Nabelschnurblut heilen kann, wird es noch ewig dauern!“ Diese pessimistische Meinung vertreten Menschen, die nicht wissen, wie viel Zeit investiert werden muss, um neue Medikamente und Therapien zu entwickeln. Aber: Die Forschung bewegt sich! Dennoch müssen einige Hürden überwunden werden, bevor Wissenschaftler ein neues Medikament auf den Markt bringen dürfen. Einerseits werden Gelder benötigt, um die Versuchsreihen durchzuführen, andererseits müssen die Experimente mehrmals wiederholt werden, um ein fundiertes Ergebnis zu erhalten. Finanziell unterstützt wird die Forschung dabei von verschiedenen Institutionen, wie beispielsweise dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) oder der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Dafür müssen die Wissenschaftler allerdings im Vorfeld beweisen, dass ihre Studien innovativ, fortschrittlich und damit förderungswürdig sind. Dieser Prozess kann besonders bei sehr jungen Forschungsgebieten, wie zum Beispiel bei Stammzellen aus Nabelschnurblut, langwierig sein. Während der Forschungsreihen ist ebenfalls viel Geduld gefragt: Denn mit lebenden Zellen, wie beispielsweise Stammzellen aus Nabelschnurblut, bedeutet behutsamer Umgang oberste Priorität. Fazit: Lange Wartezeiten, was die letztendliche medizinische Anwendung beim Menschen betrifft, sind nötig um zu gewährleisten, dass neue Medikamente und Therapien den Patienten helfen und keinen zusätzlichen Schaden verursachen.
Eindrücke vom Life Science Symposium
Stammzellen aus den verschiedensten Quellen, auch aus Nabelschnurblut, werden zur Regeneration von Ischämie geschädigtem Gewebe eingesetzt. Wie, das wurde im Rahmen des dritten Fraunhofer Life Science Symposium, vom 24. bis 25. Oktober 2008 in Leipzig diskutiert. Hier trafen sich Wissenschaftler und stellten ihre Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Zelltherapie vor. Das Rahmenprogramm wurde durch Biotechnologie-Unternehmen begleitet, die neue Geräte für den Laborgebrauch vorstellten.




Stammzellen bei Schlaganfall und Herzinfarkt
Stammzellen aus Nabelschnurblut werden zunehmend und mit großem Erfolg in Wissenschaft und Klinik eingesetzt. Das wurde durch Vorträge beim dritten Fraunhofer Life Science Symposium, dass vom 24. bis 25. Oktober in Leipzig stattfand, klar. Die Veranstaltung beschäftigte sich jedoch hauptsächlich mit dem Einsatz von Stammzellen aus unterschiedlichsten Herkunftsbereichen, wie Knochenmark, Nabelschnurblut, Embryo und Reagenzglas (induzierte pluripotente Stammzellen) bei Schlaganfall und Herzinfarkt. Die Regeneration verläuft je nach Zellart unterschiedlich: Embryonale Stammzellen differenzieren in bestimmte Gewebe und Organe und übernehmen gleichsam deren Funktion. Stammzellen aus Nabelschnurblut und Knochenmark regenerieren, indem sie die Sauerstoffversorgung der betroffene Gebiete verbessern und/oder die Selbstheilung ankurbeln. Beispielsweise zeigte ein sehr bildlicher Vortrag die erstaunliche Regeneration eines diabetischen Fußes. Das Rahmenprogramm beinhaltete regelmäßige Pausen, die intensiv genutzt wurden, um sich auszutauschen und Kontakte zu knüpfen, eine Posterausstellung und ein abendliches, ungezwungenes „Get together“.
Preisgekrönte Zellvermehrung
Gibt es bald ausreichend Stammzellen aus Nabelschnurblut für die klinische Anwendung? Die Forschung zur Zellvermehrung wurde am 7. Oktober 2008 mit dem Innovationspreis ausgezeichnet. Auf der internationalen Messe für Biotechnologie „BIOTECHNICA“ in Hannover, wurde die Auszeichnung der Bioregionen Deutschlands nach Niedersachsen zu Dr. Tobias May geschickt. Dieser arbeitet am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig im Bereich Zellbiologie. Während seiner Promotion entwickelte er ein inzwischen patentiertes Verfahren, um Zellen reguliert zu vermehren. Laut Aussagen des Wissenschaftlers ist die Methode auch auf Stammzellen anwendbar: „Die Vision ist, in Zukunft adulte Stammzellen effektiv zu vermehren.“, so Dr. May. Folglich könnten auch Nabelschnurblutstammzellen vermehrt werden. Weitere Informationen finden Sie hier, hier und hier.
Nabelschnurblut wird immer wichtiger in der medizinischen Therapie
Können Stammzellen aus Nabelschnurblut unheilbare Krankheiten heilen? Bisherige Studien bescheinigten den Stammzellen bereits ihr großes Therapiepotenzial. Inwiefern sich die Einsatzmöglichkeiten von Nabelschnurblut in Zukunft ausweiten werden, diskutieren führende Stammzellforscher aus Deutschland und den USA heute, am 26. September, bei einem Workshop der Deutschen Gesellschaft für Regenerative Medizin (GRM) am Universitätsklinikum Heidelberg. Dabei sind vor allem der Einsatz von Stammzellen aus Nabelschnurblut zur Krebstherapie und bei der Regeneration von geschädigtem Gewebe und Organen im Gespräch. Anderen Erkrankungen wie frühkindliche Hirnschäden und Typ 1 Diabetes werden in den USA bereits seit mehren Jahren mit Hilfe von Nabelschnurblut behandelt. Diese Tatsache nehmen die Experten zum Anlass, im Rahmen des Workshops von ihren bisherigen Erfahrungen aus dem medizinischen Alltag zu berichten und neue Einsatzgebiete von Stammzellen aus Nabelschnurblut vorzustellen.
Potenzial für die Regenerative Medizin
Prof. Dr. Ursula Anderer von der Fachhochschule Lausitz in Senftenberg gestaltet die Zukunft: Erkenntnisse, die sie als Forscherin im Bereich der Regenerativen Medizin erwirbt, gibt sie tagtäglich an die neue Generation von Wissenschaftlern – ihre Studenten – weiter. Dazu gehören vor allem Erfahrungen, ihrer Forschungsgruppe im Bereich der Produktion von künstlichem Gewebe außerhalb des Körpers (dem so genannten Tissue Engineering). In ihrem jüngsten Projekt beschäftigt sie sich mit der Herstellung von Gewebe zur Regeneration von Knorpelschäden in Gelenken, zum Beispiel im Knie oder in der Hüfte. Hier wird das Thema Nabelschnurblut in Zukunft von großer Bedeutung sein: „Inzwischen konnten aus Nabelschnurblut verschiedenste Zelltypen im Labor gezüchtet werden“, so Prof. Anderer. „Für das Tissue Engineering ist es daher prädestiniert. Körpereigene Zellen aufzubereiten und wieder in den Spender einzusetzen, hat den Vorteil, dass das Immunsystem das Material als eigen erkennt und nicht angreift. Das ist die ideale Voraussetzung, um eine schnelle Regeneration herbeizuführen und den Patienten wenig zu belasten.“
Private Nabelschnurblutbanken und die Forschung stehen nicht in Konkurrenz
“Stammzellen sind der Ursprung menschlichen Lebens” – Aus diesem Grund ist Dr. med. Volker R. Jacobs an der Frauenklinik der Technischen Universität München in der Grundlagenforschung rund um die vielseitig einsetzbaren Zellen aktiv. Sein Ziel: “Das Wunderwerk Stammzelle verstehen”. Unter diesem Motto beteiligte er sich 2002 am STEMMAT- Projekt zur Erforschung adulter Stammzellen aus Nabelschnurblut. STEMMAT steht für eine Kombination aus den Wörtern Stammzelle (engl. stem cell) und Material. Zusammen mit einer Reihe von Forschern und angesehenen wissenschaftlichen Instituten wollte er herauszufinden, inwiefern sich Stammzellen aus Nabelschnurblut für das Tissue Engineering (die Herstellung von neuem Gewebe aus Stammzellen) eignen. Jacobs beschäftigte sich im Rahmen des Projekts mit weiteren Fragestellungen rund ums Nabelschnurblut und fand unter anderem heraus, dass die Stammzellanzahl im Nabelschnurblut – abhängig von verschiedenen Geburtsfaktoren, zum Beispiel dem ph-Wert des Nabelschnurblutes – unterschiedlich groß ist. Er konnte auch zeigen, dass Rauchen während der Schwangerschaft negativen Einfluss auf Anzahl der Nabelschnurblut-Stammzellen hat. Zudem wurde festgestellt, dass die private Einlagerung von Nabelschnurblut die Anzahl der für die Forschung zur Verfügung stehenden Präparate nicht verringert. Das heißt, entgegen bisheriger Annahmen stehen private Nabelschnurblutbanken und die Forschung nicht in Konkurrenz um das kostbare Gut. Weitere Erkenntnisse im Rahmen der Grundlagenforschung rund um die Stammzellen aus Nabelschnurblut und ihre Eignung für die medizinische Therapie werden in den nächsten Jahren erwartet.
“Nabelschnurblut bietet sich zur Heilung von Krankheiten an.”
„Der Körper besitzt bereits, was er zur Heilung braucht – Stammzellen.“ Welche Bedeutung diese Aussage hat, beweist die Forschungsarbeit von Dr. Michael John an der Münchener Alphaklinik. Er behandelte die ausgetrockneten Bandscheiben von mehr als 50 Patienten mit körpereigenen Stammzellen aus dem Knochenmark. Ergebnis: „Mit Hilfe einer relativ harmlosen Methode konnte Menschen geholfen werden, die schon jahrelang an Beschwerden litten und die Hoffnung bereits aufgegeben hatten“, erklärt der Forscher. Das alles war durch einen kleinen endoskopischen Eingriff ohne aufwendige Wirbelsäulenoperationen und Medikamente möglich. „Medikamente können zwar die Beschwerden der Patienten lindern, aber neue Kerne in Bandscheiben wachsen zu lassen, das können nur Stammzellen“, so Dr. John. Stammzellen kommen in besonders großer Zahl auch im Nabelschnurblut von Neugeborenen vor. Auch wenn im Bereich der Regenerativen Medizin ihr Potenzial bisher nicht ausgeschöpft wurde, besitzen sie gegenüber anderen adulten Stammzellen wie beispielsweise aus dem Knochenmark einen klaren Vorteil – ihr Entwicklungspotenzial. Deshalb ist sich der Mediziner sicher: „Für eine Regeneration und Heilung würden sich Stammzellen aus Nabelschnurblut anbieten.“
Nabelschnurblut: “Das regenerative Potenzial ist enorm.”
„Bei uns ist die Therapie mit Stammzellen nach einem Herzinfarkt klinischer Alltag.“ - Dr. Alexander Kaminski, Herzchirurg und Stammzellexperte an der Rostocker Universitätsklinik, kommt täglich mit dem Potenzial von Stammzellen in Kontakt. Mit Hilfe der medizinischen Alleskönner behandelte er bereits knapp 100 Herzinfarkt-Patienten und konnte nach einer Operation deren Lebensqualität erhöhen. „Bei zwei Dritteln der Therapierten konnten wir eine Verbesserung der Pumpfunktion des Herzens beobachten“, erklärt der Forscher. Auch Brustschmerzen und Kurzatmigkeit konnten mit der Behandlung verringert werden. Auch wenn bisher noch keine routinemäßige Anwendung von Stammzellen aus Nabelschnurblut erfolgt, ist Dr. Alexander Kaminski von deren therapeutischen Eignung überzeugt: „Wir schätzen das regenerative Potenzial von Nabelschnurblut höher ein, als das der Stammzellen aus Knochenmark.“ Deshalb beschäftigt er sich in seinem jüngsten Forschungsprojekt mit der Behandlung angeborener Herzfehler bei Säuglingen mit Hilfe ihres eigenen Nabelschnurblutes. Entsprechende Tests an Tieren waren bereits erfolgversprechend. „Und da wir das Modell von Anfang an auf den klinischen Einsatz angelegt haben, schätzen wir die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Menschen als sehr hoch ein“, erklärt der Forscher seine Vorgehensweise.
Nabelschnurblut: Die jüngsten adulten Stammzellen
“Menschliches Leben lebenswert machen” – das ist der Ansatz von Dr. Alexandra Stolzing. Sie leitet die Arbeitsgruppe Stammzellbiologie am Fraunhofer Institut für Zelltherapie und Immunologie in Leipzig. Ihr Ziel ist es, Alterungsprozesse in Zellen aufzuklären, um sie im Umkehrschluss zu verjüngen. Dabei leisten Stammzellen aus Nabelschnurblut einen entscheidenden Beitrag, denn “sie sind die jüngsten adulten Stammzellen. Die Erforschung ihrer Signalwege und Genaktivität wird den Erkenntnisprozess unterstützen”. Das Zauberwort heißt: Reprogrammierung. In Zukunft sollen dem Patienten “alte” Stammzellen entnommen und “junge” wieder eingesetzt werden. “Es wird auch in Zukunft alte Menschen geben, aber Begleiterscheinungen wie schwache Knochen können gemildert werden”. Das Besondere an der Arbeit der Forscherin ist, dass sie die Reprogrammierung ohne Viren bewerkstelligen will. Denn diese schleusen sich in das Erbgut des Menschen ein und können wieder aktiviert werden. So könnten Krankheiten ausgelöst werden. “Das wollen wir vermeiden”. Alexandra Stolzing rechnet damit, die verjüngten Zellen schon 2009 am Tiermodell testen zu können.